
Ihre heutige Form erhielt die Kapelle im Jahre 1691. Die Kapelle mit dem eingerückten 5/8-Chor und den spätgotischen Maßwerkfenstern besitzt einen Barock-Hochaltar mit gedrehten Säulen und Knorpeldekor. Das Altarblatt des Hochaltars zeigt fünf Heilige, die Altäre der Seitenaltäre stellen den hl. Antonius von Padua und den hl. Franziskus dar. An der Südwand ist die Holzplastik „Sterbender Josef“ befestigt.
Eine Kostbarkeit sind die an den Außenwänden und im Innern angebrachten zehn Grabplatten, acht an den Außenwänden und zwei im Innern der Kapelle. Die älteste Grabplatte erinnert an den 1593 gestorbenen gräflich Sulzischen Hofmeister und Obristleutnant Friedrich Weissenauer. Neben Stiftungen für Arme im Spital vermachte dieser einen ansehnlichen Betrag, damit der jeweilige Hofkaplan jede Woche zwei hl. Messen in der „Gottesackerkapelle“ halte.
Nach dem 1874 erfolgten Auszug der Katholiken aus der Pfarrkirche infolge der Auseinandersetzungen mit den Alt-Katholiken wurde der Gottesdienst der katholischen Kirchengemeinde in der kleinen Friedhofskapelle gehalten. Von 1875 bis 1883, dem Jahr des Wiedereinzugs in die Pfarrkirche, feierte die kath. Gemeinde dann die Gottesdienste in der „Notkirche“ am Marktplatz.
Im 1. Weltkrieg musste auch die Glocke der Kapelle auf dem Friedhof abgeliefert werden. Der Gemeinderat der Stadt Tiengen überließ leihweise der kath. Kirchengemeinde die kleine alte Glocke vom Turm des Rathauses für die Friedhofskapelle. 1936 forderte der damalige NS-Bürgermeister von Tiengen die Glocke wieder zurück, worauf die kath. Kirchengemeinde eine neue Glocke beschaffte. Im 2. Weltkrieg musste auch diese Glocke wieder abgegeben werden. Nach dem Krieg übergab die Stadt die Rathausglocke, die im Krieg nicht abgegeben werden musste, wieder für die Friedhofskapelle, wo sie von 1917 bis 1936 schon einmal hing.
Manfred Emmerich
